leserkritik


Germanist Volkmar Hellfritzsch

Hier eine neue Folge meiner losen Serie über Leser meines Buches "43 Stücke Lyrik", die zu meiner Poesie etwas sagen wollen - und zu sagen haben. Heute: Der von mir geschätzte Dr. Dr. Volkmar Hellfritzsch, der sich wie so oft sehr ehrlich (und kritisch) äußert ... Ich freue mich vor allem über den letzten Satz seiner Ausführungen.



Schriftsteller Utz Rachowski

Oft treten Menschen an mich heran, die mir ihre Gedichte zeigen. Ich versuche dann, immer freundlich zu sein, in der Situation des Angesprochen-Werdens oder beim Öffnen der Manuskript-Briefe, dann auch freundlich zu sein mir selbst gegenüber und nicht – einem ersten Impuls folgend – leicht genervt. Denke daran, sage ich mir, wie Du angefangen hast zu schreiben.

 

Bei den Gedichten von Jan Oechsner war es anders - von Anfang an. Ich musste nicht freundlich tun. Die Stimme dieser Gedichtzeilen, die Stimmen der Worte, sprachen mich sofort an, wie die Stimme eines literarisch Verwandten. Ich fand in ihnen zugleich das tief Persönliche des lyrischen Ich als auch die Hintergründe von konkreter geografischer, vielleicht gegenwärtig-lebensgefühlter Landschaft, und in beiden das, was mir diese Gedichte so nah als Verwandte und verwandt erscheinen lassen: auch eine hintergründige Trauer.

 

Keine nämlich dieser persönlichen Traurigkeiten, die bald verwehen und langsam irgendwann vergehen, sondern die umfassend stetige, in allem Gegenwärtigen verwebte Trauer der persönlichen Erfahrung und öffentlichen Existenz.

 

Jan Oechsner arbeitet in der lokalen Redaktion einer Tageszeitung im Erzgebirge. Das ist harte Arbeit, weiß ich. Seinem mir so nahen und sympathischen lyrischen Weltempfinden tut dies offenbar keinen Abbruch, vielleicht unterstützt dieser Job, geliebt oder ungeliebt, ich weiß dies nicht, seine Sicht auf die Welt und die Empfindungen des Lyrikers zugleich und schafft erst den Hintergrund für die Möglichkeiten, psychisch und intellektuell für sich eine Waage halten zu können. Der Gedanke war mir gekommen,weil ich es lebenslang ebenso gemacht habe, um die psychische Waagschale in Ausgleich halten zu können.

 

Ich übertrug dies als Möglichkeit auch auf Jan Oechsner: der
Job, tief verankert in der Realität, manchmal mit der verstörenden Alltäglichkeit des Öffentlichen, aber davon eben NICHT die Abkehr weg zur privaten Idylle, sonders dasDurchhalten, das Ertragen in Form von schöpferischer Befreiung. Durch Schreiben, das ja auch Benennen heißt. Und dabei doch auch hier ganz im Privaten zu bleiben, im oftmals kleinlichen Alltagsgeschehen. Was in Jan Oechsners Lyrik nichts anderes heißt, als im Detail zu sein, das korrespondierend mit der Vielzahl dessen, mit einem Sturm an Details, würde ich sagen, ein Gefühl, oder viele Gefühle unmerklich, als seien sie gar nicht beabsichtigt, als nicht gewollt in emotionsreduzierter Zeit,  entstehen zu lassen.

 

Ich  habe keinen Anlass zu zögern, es zu sagen: Das ist eine hohe Kunst, der nichts weniger als das gute Handwerk eines Könners zugrunde liegt.